1968. Literatur und Revolution

Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesungen
im Filmhaus der Landeshauptstadt Saarbrücken, Mainzer Str. 8, 66111 Saarbrücken

Sommersemester 2018 | montags 19:00 Uhr

Bis in unsere Gegenwart ist die 68er-Bewegung Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher und politischer Diskussionen geblieben. Auch im Hinblick auf die Geschichte der Literatur bildet das Jahr eine interessante Zäsur: Einerseits wurde mit der Studentenrevolte (zunächst in den Vereinigten Staaten von Amerika und nachfolgend in europäischen Ländern) die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Literatur neu gestellt. Andererseits unternahm man den Versuch einer Neubestimmung des Verhältnisses von Literatur und Literaturtheorie. Nicht zuletzt wurden Werke des literarischen Kanons, die den geistigen Widerstand und die lebensweltliche Revolte des Individuums gegen die Nützlichkeitsmoral der Gesellschaft, verbunden mit einem romantischen, nach verlorener Ganzheitlichkeit strebenden Naturgefühl reflektierten, zu programmatischen Texten einer nonkonformistischen, kultur- und zivilisationskritischen Bewegung.

Die neunte Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung erinnert nach einem halben Jahrhundert an die Protestbewegung des Jahres 1968 und fragt nach ihrer Bedeutung für die Literatur. Die Vorträge untersuchen das ganze Spektrum an Einflüssen und Wechselwirkungen, Vorbildern und Nachwirkungen der 68er-Bewegung im literarischen Feld.

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen ist Professor Dr. Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorlesungen dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen.

Parallel zu den Ringvorlesungen zeigt das Filmhaus der Landeshauptstadt Saarbrücken am 9. April, 30. April und 21. Mai 2018 drei Spielfilme zur Studentenrevolte im Jahr 1968. Weitere Informationen zum Programm unter http://www.filmhaus-saarbruecken.de.

 

 

 

16. April 2018
 
Privatdozent Dr. Sascha Kiefer (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
Gegen den inneren deutschen Notstand: Heinrich Böll und 1968

Heinrich Böll (1917–1985) gehörte der Vätergeneration an, gegen die die 68er eigentlich revoltiert haben. Doch vor allem in seinem publizistischen Werk erscheint Böll geradezu als Vorläufer der studentischen Protestbewegungen: Aus seiner Sicht litten der westdeutsche Staat und seine Gesellschaft unter moralischen Defiziten, unter einem permanenten ‚inneren Notstand‘, den Böll nicht etwa auf die Feinde des Staates, sondern im Gegenteil auf dessen Repräsentanten wie etwa Bundeskanzler Kiesinger zurückführte. Bezeichnenderweise trägt einer seiner Essaybände den Titel „Einmischung erwünscht“ – Böll hat sich leidenschaftlich ‚eingemischt‘ und ist dabei mitunter auch zu weit gegangen, um herauszufinden, wie weit er gehen konnte.

Der Vortrag würdigt Heinrich Böll als kritischen, sprachbewussten Denker, der zahlreiche Debatten befeuert und das intellektuelle Klima der Bundesrepublik vor und nach 1968 entscheidend mitgeprägt hat.

 

 

23. April 2018
 
Professor Dr. Ralf Georg Bogner (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
Was die österreichischen Schriftsteller dichteten, während die Studenten in der Bundesrepublik revoltierten

In Österreich gibt es aufgrund völlig andersartiger gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen keine 68er-Studentenrevolte im Sinne der Geschehnisse in der BRD. Dennoch werden die Ereignisse beim ‚großen Nachbarn‘ und ihre Vorbilder, z. B. in der US-amerikanischen Hippie-Bewegung, genau verfolgt. Gerade deswegen wird 1968 in Österreich zu einem Jahr, in dem eine Reihe ästhetisch herausragender Texte veröffentlicht wird, welche in ganz unterschiedlicher Weise die aktuelle Situation reflektieren, eine neue Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts initiieren und radikale ästhetische Positionen markieren. Exemplarisch werden im Jahr 1968 erschienene Texte u. a. von Thomas Bernhard, Peter Handke, Marlen Haushofer und Ernst Jandl im zeitgenössischen Kontext vorgestellt.

 

 

7. Mai 2018
 
Professorin Dr. Astrid M. Fellner (Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft)
 
1968 in Amerika: Protestbewegungen und internationale Solidarität

Counter-Culture, Hippies, Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Attentate auf Martin Luther King, Jr. und Bobby Kennedy, Black Power, Frauenbewegung: 1968 war in den USA ein markantes Jahr und die Protestbewegungen und Gegenkulturen der 60er Jahre haben auf allen Gebieten von Kunst, Kultur und Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen. Aber 1968 bezieht sich nicht nur auf ein konkretes Jahr, sondern steht für eine ganze Dekade der Revolution und des Widerstands gegen das gesellschaftliche, politische und kulturelle Establishment. 1968 wurde zu einer kalendarischen Chiffre für Proteste und Forderungen nach gesellschaftlichen Neuerungen, die sich über mehrere Jahre erstreckten. Die „Sixties“ stehen für Konsumgesellschaft, Freiheitsforderung und Jugendrebellion. Und die Medien trugen erstmals dazu bei, dass sich um den Vietnamkrieg und den Kampf für Bürgerrechte eine Weltöffentlichkeit bildete und eine transnationale Protestkultur entstehen konnte. Die kulturelle Revolution umfasste auch tiefgreifende Veränderungen in der Literatur und Populärkultur Amerikas. Nachdem der legendäre Ken Kesey in einem psychedelisch-bunten Schulbus mit seiner Aktionsgruppe „Merry Pranksters“ 1964 durch Amerika reiste, veröffentlichte Tom Wolfe 1968 seinen Reisebericht „Electric Kool-Aid Acid Test“, ein Bestseller, der schnell zum Kultbuch der Hippie-Generation wurde. Dieser Vortrag setzt sich zum Ziel, die Bedeutung des Jahres 1968 in den USA herauszustellen und aufzuzeigen, inwiefern die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse sowie die kulturellen Entwicklungen von 1968 (beziehungsweise der „Sixties“) auch heute noch wirken.

 

 

14. Mai 2018
 
Dr. Daniel Kazmaier (Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Frankophone Germanistik)
 
Was bedeutet „La prise de la parole“? Michel de Certeaus Einschätzung der 68er Bewegung

Der französische Historiker, Soziologe, Psychoanalytiker und Jesuit Michel de Certeau (1925–1986) schreibt im Jahr 1968 eine Reihe von Artikeln, in denen er die 68er Bewegung begleitet und als Revolution deutet. Der berühmt gewordene erste Satz seines Artikels „Prendre la parole“ – „En mai dernier, on a pris la parole comme on a pris la Bastille en 1789“ – vergleicht die Anliegen der 68er Bewegung mit dem revolutionären Sturm auf die Bastille. Certeau verleiht der Bewegung mit diesem einzigen Satz einen revolutionären Charakter. Nichts prädestinierte ihn jedoch dazu, dermaßen explizit und aktiv Stellung zu den Geschehnissen des Mai 1968 zu beziehen und sich einzumischen, wie seine Biographin Luce Giard erstaunt feststellt. Das Erstaunen von Luce Giard nehme ich zum Anlass diese Parallele von ergriffener parole und erstürmter Bastille, die Certeau hier so kühn entwirft, nachzuzeichnen. Im Sinne der Ringvorlesung „Literatur und Revolution“ möchte ich die spezifische Beziehung zwischen Literatur (parole) und Revolution (die Chiffre der Bastille), die in Certeaus Beiträgen durchscheint, erkunden.

 

 

28. Mai 2018
 
Professor Dr. Wolfgang Haubrichs (Germanistische Mediävistik)
 
„Schnauze“ – Peter Rühmkorf, Walther von der Vogelweide und der Geist von 68

„Jetzt will ich meine scharfe Klinge auch mal nutzen. / Wo ich sonst Klinken putzte, ein paar Federn stutzen“ – So übertrug Peter Rühmkorf in den „Jahren, die ihr kennt“, in den 68ern ein durchaus scharftoniges, an den Fürsten Leopold von Österreich gerichtetes Spruchlied des Sängers Walther von der Vogelweide (ca. 1170–nach 1228), den er bewundernd „des Reiches genialste Schandschnauze“ nannte. Mitten in einer tiefen zehnjährigen Schaffenskrise sucht Rühmkorf, schon einer der profiliertesten Autoren der Zeit, nach einer neuen Sprache, die zugleich poetisch und politisch aktuell ist: Dies zuerst mit einer Sammlung freier, frecher, sexuell ungehemmter, politisch unkorrekter populärer Poesie, betitelt „Über das Volksvermögen“ (1967); dann aber in der übersetzenden, interpretierenden, subversiven Auseinandersetzung mit Walther und Klopstock (1975). Ein gewaltiger Erfolg: Vorabdruck in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, 20.000 erstverkaufte Buchexemplare, 40 Rezensionen, Spitzenreiter der SWF-Bestenliste … „Diese Übertragungen haben Schmiss, haben flotte Saloppheit und aggressive Chuzpe, sie haben den Walther-Drive …“ (Peter Wapnewski). Wieviel dabei vom ‚Geist von 68‘?

 

 

4. Juni 2018
 
Dr. Katharina Meiser (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
„Nur verwirrte, am eigenen Handwerk zweifelnde Schriftsteller.“ Poetologische Dimensionen der 68er-Bewegung

Als politisch-soziale Konstellation provoziert die 68er-Bewegung auch Debatten über die Legitimation von Literatur. Es herrscht Krisenstimmung, denn die Literatur wird unter Generalverdacht gestellt: Sie gehorche nur mehr den Gesetzen des Marktes und der bürgerlichen Kultur, sei als „Ware der Bewußtseinsindustrie“ für Protest und Subversion nicht zu gebrauchen, entbehre schlechterdings jeder gesellschaftlichen Funktion. Als Schriftsteller(in) muss man jetzt Stellung beziehen: zur ‚Gruppe 47‘, zur Berliner SDS-Gruppe „Kultur und Revolution“, zu Walter Boehlichs „Autodafé“ und Hans Magnus Enzensbergers ‚Totsagung‘ der Literatur im berühmten „Kursbuch 15“. Nicht von ungefähr entstehen um 1968 zahlreiche poetologische Texte zur Funktion und Situation der Literatur. Engagement oder Elfenbeinturm? – Es äußern sich etwa Günter Grass, Peter Handke, Peter Schneider, Günter Wallraff, Martin Walser oder Dieter Wellershoff, der eine mehr, der andere weniger zweifelnd und verwirrt. Der Vortrag sondiert die poetologische Gemengelage dieser Zeit und veranschaulicht, welche Konsequenzen die 68er-Bewegung für das schriftstellerische Selbstverständnis gezeitigt hat – noch immer zeitigt? – oder nicht?

 

 

11. Juni 2018
 
Professorin Dr. Stephanie Catani (Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft)
 
Was bleibt vom heißen Sommer? Die 1968er-Bewegung in Texten Uwe Timms

Der renommierte Gegenwartsautor Uwe Timm gilt als ‚literarischer Chronist‘ der 1968er: Leitmotivisch prägen die studentische Protestbewegung, ihre politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sowie ihr Überleben als Mythos im kollektiv-nationalen Gedächtnis sein Gesamtwerk – vom Debütroman Heißer Sommer (1974) über die Romane Kerbels Flucht (1980) und Rot (2001) bis zur 2005 publizierten Erzählung Der Freund und der Fremde. Dabei ist Timms Rolle stets eine ambivalente: Zum einen tritt er als persönlich involvierter Zeitzeuge der 1968er, zum anderen als Autorinstanz in Erscheinung, die distanziert aus der Retrospektive reflektiert. Gerade in dieser Ambivalenz, so möchte der Vortrag zeigen, liegt die besondere Qualität der Timm’schen Texte begründet – die, wenn sie von „den 1968ern“ erzählen, die Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Erzählens im Medium der Literatur bereits selbstreflexiv ausloten.

 

 

18. Juni 2018
 
Dr. Barbara Wiedemann (Eberhard Karls Universität Tübingen – Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
Gedichte um 1968: Mascha Kaléko und Renate Rasp

Wie hat man sich lyrische Provokation vorzustellen, Gedichte der 68er? Nach einem Überblick über die zwischen 1967 und 1969 in Westdeutschland erschienenen Gedichtbände und deren Ausdrucksmittel stehen zwei Lyrikerinnen im Zentrum dieser Fragen. Während Renate Rasp, Jahrgang 1935, mit ihrem Band „Rennstrecke“ zweifellos in die Altersgruppe der Revoltierenden fällt, mag die Wahl der 1907 geborenen Mascha Kaléko mit ihrem „Himmelgrauen Poesie-Album“ in diesem Zusammenhang überraschen. Beide haben jedoch, wenn auch auf unterschiedliche Art, Anteil an den Anliegen gerade der weiblichen 68er. Der Vergleich bietet zudem die Möglichkeit, über die politischen Ansprüche der Bewegung und ihre Verwirklichung nachzudenken.

 

 

25. Juni 2018
 
Dr. Hermann Gätje (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
Rebellen? Neudeutungen Georg Büchners und Heinrich von Kleists nach 1968

Die mit der Studentenbewegung des Jahres 1968 verbundenen literarischen Strömungen haben eine neue charakteristische Sichtweise auf die literarischen Klassiker entwickelt. Dabei fällt auf den ersten Blick tendenziell auf, dass der Fokus von den Zentralgestalten der Klassik wie Goethe und Schiller auf als schwierig geltende Charaktere wie Kleist, Büchner oder Hölderlin verlagert wird. Der Vortrag möchte an einigen Beispielen darlegen, wie Büchner und Kleist wie auch deren Figuren zu Identifikationsgestalten wurden, die in einen neuen, von der 1968er Bewegung maßgeblich geprägten literarischen Kanon konzeptualisiert wurden. Diese Neudeutung spiegelt sich in alternativen Editionstechniken, Verfilmungen wie Volker Schlöndorffs „Michael Kohlhaas – Der Rebell“ (1969) oder Adaptionen wie Peter Schneiders Erzählung „Lenz“ (1973).

 

 

2. Juli 2018
 
Professor Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink (Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation)
 
Intellektuelle Protestkulturen. Zum philosophisch-politischen Erbe von Mai 68 bei Foucault, Deleuze und Guattari

Der Vortrag behandelt das philosophisch-politische Erbe von Mai 68 in Frankreich anhand der Werke von drei herausragenden Intellektuellen und Philosophen, die weit über Frankreich hinaus gewirkt und einen weltweiten Einfluss ausgeübt haben: Michel Foucault, der 1968–1969 Professor an der linken Universität Paris-VIII-Vincennes gewesen ist und dessen Denken sich nach Mai 68 deutlich politisierte und Begriffe wie ‚Absolute Revolte‘, ‚Widerstand‘ und ‚Biopolitik‘ in das Zentrum seiner Werke der beginnenden 1970er Jahre rückte; sowie der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychiater Félix Guattari, die nach 1968 entscheidend an der Bewegung der Anti-Psychiatrie beteiligt waren. Ihr gemeinsames Buch „Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie“ („L’Anti-Oedipe“, 1972, dt. Übers. 1977) kann mit seiner libertären und radikal-kritischen, den zentrale Stellenwert des menschlichen Lustprinzips betonenden Perspektive als eine Art posthumes philosophisches Manifest der 68er Generation betrachtet werden.

 

 

9. Juli 2018
 
Professor Dr. Sikander Singh (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)
 
Revolutionärer Eskapismus: Die 68er lesen Hermann Hesse

Ab den 1950er Jahren wurde Hermann Hesse als ein epigonal-neuromantischer Schriftsteller wahrgenommen, dessen Sprache und Bildlichkeit im Kontext der deutschen Nachkriegsliteratur unzeitgemäß erschien. Weder der Literaturnobelpreis, der ihm 1946 zuerkannt wurde, noch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den der Autor 1955 erhielt, vermochten das Bild des gestrigen Romanciers einer sehr deutschen Innerlichkeit zu wandeln. Erst das wachsende Interesse, das die Gegenkultur der jungen amerikanischen Generation in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahre seinem Werk entgegenbrachte, führte zu einer Hesse-Renaissance auch in Deutschland: Siddhartha und Harry Haller wurden zu Symbolfiguren für eine antibürgerliche Protesthaltung und eröffneten als Vertreter eines radikalen Individualismus der von der zunehmenden Ideologisierung und Militarisierung im Kontext des Kalten Krieges wie des Vietnamkrieges von der amerikanischen Politik enttäuschten Generation Möglichkeiten der Identifikation. Vor diesem Hintergrund wurde Hesses Werk weniger als eine kritische Reflexion über die geistesgeschichtlichen Umbrüche der Moderne gelesen, sondern als individualpsychologische Entwicklungsgeschichten von Menschen, die mit den bürgerlichen Konventionen brechen und einen individuellen Weg zur Ausbildung der eigenen Persönlichkeit suchen. Für die Hippie- und Flower-Power-Bewegung wurden Hesses Romane als Werke der Selbsterfahrung, des Pazifismus und Nonkonformismus, des politischen Protestes und der gesellschaftlichen Revolte zu Kultbüchern.

Die Vorlesung zeichnet die einzelnen Phasen dieser Wiederentdeckung Hermann Hesses im Kontext der 68-Bewegung nach und diskutiert, welche Aspekte seines Denkens und Schreibens hierzu beigetragen haben.

 

 

16. Juli 2018
 
Professor Dr. Roland Marti (Slavische Philologie)
 
68 einmal anders: im „real existierenden Sozialismus“

In den Ländern, in denen der „real existierende Sozialismus“ herrschte, hatte die Chiffre 68 eine andere Bedeutung, wenn sie überhaupt eine hatte. Es gab dort (mit Ausnahme Jugoslaviens, das aber nur sehr mittelbar zu diesem Bereich gehört) keine 68er-Bewegung. Eine eigentliche Zäsur, die mit diesem Jahr verbunden ist, lässt sich nur für die tschechoslovakische Republik mit dem Prager Frühling und dessen gewaltsamer Unterdrückung durch Truppen der „sozialistischen Brudervölker“ feststellen. Eine (auch literarische) Aufbruchstimmung hatte früher begonnen, z. B. die Tauwetterperiode in der Sowjetunion. Die Zeit vor 68, das Jahr selbst und die darauf folgende Periode waren eher durch eine verstärkte staatliche Kontrolle gekennzeichnet und werden als Zeit der „Stagnation“ (UdSSR) bzw. der „Normalisierung“ (Tschechoslovakei) bezeichnet. Der Vortrag beleuchtet dies anhand von Beispielen aus slavischsprachigen Ländern.