Grenze als Erfahrung und Diskurs

 
Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung e. V. 2017 in Kooperation mit dem Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass der Universität des Saarlandes

Die Frage nach der Dynamik von Grenzziehungs- und Grenzverschiebungsprozessen steht seit Längerem im Zentrum geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschungen. Sie gehen davon aus, dass es eine folgenreiche Perspektivenverschiebung und damit verbunden einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn ermöglicht, kulturelle, soziale, wirtschaftliche und rechtliche Phänomene von den Prozessen der Grenzziehung aus zu betrachten. Zugleich rückt die Wechselbeziehung von Grenzen und Ordnungen ins Zentrum wissenschaftlicher Überlegungen. Einerseits konstituieren Grenzen Ordnungen und Sinnstrukturen. Andererseits produzieren Ordnungen Grenzen. Die Tatsache, dass Grenzen im modernen Zeitalter in eine beschleunigte Bewegung geraten sind, schlägt sich heute in einer Vielzahl von aktuellen Terminologien nieder. Die Frage danach, welche Auswirkungen von derartigen Veränderungen für die Ordnungen ausgehen, in denen wir leben, beschreibt dabei einen wesentlichen Punkt unseres wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses. Im Zuge der momentanen Flüchtlingsbewegungen hat das Thema der Grenze zudem an politischer Brisanz gewonnen. Menschen harren wartend vor den Grenzen Europas aus. Die Politik diskutiert zunehmend Maßnahmen der „Grenzsicherung“ bzw. der „Durchlässigkeit“ von Grenzen.

Die Tagung und der Doktorandenworkshop nehmen diese aktuellen politischen Entwicklungen wie neueren Forschungsbewegungen gleichermaßen auf. Das Phänomen des Exils soll dabei in empirischer wie in methodischer Hinsicht nicht von seinen Zentren, sondern von den Grenzen aus in den Blick genommen werden.

Ausgehend von einem regionalen Schwerpunkt auf das Saargebiet (Territoire du Bassin de la Sarre), den das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass als Archiv der Großregion Saar-Lor-Lux wissenschaftlich aufarbeitet, bietet die Tagung ein Forum, Darstellungen von und über den Gang ins Exil neuerlich zu diskutieren, seien es Landwege nach Frankreich, Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, die skandinavischen Länder, in die Sowjetunion, die Tschechoslowakei oder Überseereisen nach Mittel- und Lateinamerika oder die Vereinigten Staaten von Amerika.

Mit seinen Grenzen zu Deutschland und Frankreich war das Saargebiet, das seit 1920 als Mandatsgebiet vom Völkerbund verwaltet wurde, für zahlreiche Verfolgte des Nationalsozialismus bis zum Jahr 1935 ein erstes Ziel ihres Exils und diente oftmals als Durchgangsstation. Zudem fungierte die Region in dieser Zeit als eine Schnittstelle für die Organisation des illegalen Widerstands gegen den Nationalsozialismus im Deutschen Reich und war dabei – wie auch andere Grenzregionen – selbst ein Ort des Exils: Die geringe Entfernung zur deutschen Grenze evozierte – charakteristisch für grenznahe Exilräume – eine ambivalente Gefühlslage. Die Nähe zur verlassenen Heimat kontrastierte mit der Bedrohung, die von derselben ausging.

 

Tagungsprogramm zum Download

 

Donnerstag, 23. März 2017

 

13.00 bis 13.40 Uhr

Jasmin Centner (Hamburg): Die unheimliche Rückkehr ins Totenreich. Anna Seghers’ „Der Ausflug der toten Mädchen“

 

13.40 bis 14.20 Uhr

Carla Swiderski (Hamburg): Das Menschliche spiegelt sich im Blick der Tiere. Auflösung und Neudefinition des Menschen in der Exilliteratur

 

14.20 bis 14.40 Uhr

Kaffeepause

 

14.40 bis 15.20 Uhr

Olga Amarís Duarte (München/Madrid): Die Metaphern des Exils. Der Paria als Figur des Zwischen

 

15.20 bis 16.00 Uhr

Anna Corsten (Berlin und Gießen): Kampf um die Wahrheit – Deutschsprachige Historiker im US-amerikanischen Exil und die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit

 

16.00 bis 16.20 Uhr

Kaffeepause

 

16.20 bis 17.00 Uhr

Michael Imoberdorf (Bern): Lost in migration. Was wir von Sigurd Leeder lernen können

 

 

Freitag, 24. März 2017

 

9.30 bis 10.10 Uhr

Stéphane Maffli (Lausanne): Im Ausland zu Hause. Methodologische Überlegungen zum Umgang mit Migrationsliteratur

 

10.10 bis 10.50 Uhr

Tininiska Zanger Montoya (Frankfurt/Oder): Die Rückkehr von links orientierten Kolumbianer_innen aus dem politischen Exil

 

10.50 bis 12.30 Uhr

Pause

 

12.30 bis 12.40 Uhr 

Grußwort Professor Dr. Dr. h.c. Roland Marti, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes

 

12.40 bis 12.50 Uhr

Begrüßung Professor Dr. Sikander Singh, Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass der Universität des Saarlandes

 

12.50 bis 13.00 Uhr

Begrüßung Professorin Dr. Inge Hansen-Schaberg, Erste Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e. V.

 

13.00 bis 13.45 Uhr

Professor Dr. Joachim Schlör (Southampton): Die Erfahrung der Grenzüberschreitung in den Erinnerungen deutsch-jüdischer Emigranten

 

13.45 bis 14.30 Uhr

Dr. Helmut G. Asper (Bielefeld): „Die letzte Chance“: Flucht und Grenze im Exil-Film

 

14.30 bis 15.00 Uhr

Kaffeepause

 

15.00 bis 15.45 Uhr

Privatdozent Dr. Sascha Kiefer (Saarbrücken): Über Grenzen: Irmgard Keun und ihre Protagonistinnen

 

15.45 bis 16.30 Uhr

Dr. Heike Klapdor (Berlin): Ödön von Horváths Komödie „Hin und her“ (1933) revisited. Zur Aktualität literarischer Grenzerfahrung aus dem Exil

 

16.30 bis 17.15 Uhr

Professor Reinhard Andress, PhD (Chicago/IL): Der Autor Robert(o) Schopflocher: Das Überschreiten sprachlicher, kultureller und historischer Grenzen zu einem „Dritten Raum“

 

20.00 Uhr

Alfred Gulden (Saarlouis und München): Grenzfall Leidingen. Filmvorführung und Lesung im Filmhaus Saarbrücken

 

 

Samstag, 25. März 2017

 

8.30 bis 9.15 Uhr

Professor Dr. Sikander Singh (Saarbrücken): Die Grenze als Metapher: Über Gustav Reglers Erinnerungsbuch „Das Ohr des Malchus“

 

9.15 bis 10.00 Uhr

Professor Dr. Philippe Humblé (Brüssel) und Professor Dr. Arvi Sepp (Antwerpen): „Die Kriege haben mein Leben bestimmt“. The Narrative of Brazilian Exile in Alexander Lenard’s „Die Kuh auf dem Bast“

 

10.00 bis 10.30 Uhr

Kaffeepause 

 

10.30 bis 11.15 Uhr

Professor Dr. Günter Häntzschel (München): Grenzüberschreitungen und Begrenzungen. Annette Kolb

 

11.15 bis 12.00 Uhr

Dr. Hermann Gätje (Saarbrücken): Der „Grenzübertritt“ im Werk Heinrich Manns. Polysemantik und Deutungsperspektiven

 

12.00 bis 14.00 Uhr

Mittagspause

 

14.00 bis 14.45 Uhr

Professorin Dr. Christiane Solte-Gresser (Saarbrücken): Träume(n) an der Grenze: Politik und Poetik in Charlotte Beradts „Das Dritte Reich des Traums“

 

14.45 bis 15.30 Uhr

Mag. Agata Joanna Lagiewka (Edmonton): Zwischen den Welten auf ständiger Reise – „Der Emigrant bricht auf, als Hans im Glück in die Welt zu ziehen, und landet in einem ganz anderen Märchen“

 

15.30 bis 16.00 Uhr

Kaffeepause

 

16.00 bis 16.45 Uhr

Dr. Olena Komarnicka (Poznan): „Immer sind meine Gedanken bei Dir“: Liebe, die über die Grenzen greift

 

16.45 bis 17.30 Uhr

Dr. Anthony Grenville (London): Der Grenzübertritt als physisches, emotionales und identitätsbildendes Erlebnis: Drei Fälle im Aachener Raum

 

17.30 bis 18.15 Uhr

Professorin Dr. Burcu Dogramaci (München): Gefälschte Pässe, gefälschte Leben: Exil, Flucht und verbotene Grenzüberschreitung

 

18.30 Uhr

Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Exilforschung e. V. 

 

 

Sonntag, 26. März 2017

 

8.30 bis 9.15 Uhr

Mag. Dr. Werner Garstenauer (Wien): Grenzen und Globalisierungserfahrung im Bericht eines RAD-Flüchtigen

 

9.15 bis 10.00 Uhr

Professor Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink (Saarbrücken): Transkulturelle Grenzüberschreitungen. Diasporakulturen in Québec und ihre literarische Kartographie – am Beispiel des Werkes der franko-libanesischen Schriftstellerin Abla Farhoud 

 

10.00 bis 10.45 Uhr

Dr. Susanne Bennewitz (Heidelberg): Die Einbürgerung im Ehebett. Nationale Grenzdefinition im schweizerischen Scheinehe-Diskurs (1928 bis 1944)

 

10.45 bis 11.15 Uhr

Kaffeepause

 

11.15 bis 12.00 Uhr

Dr. Swen Steinberg (Dresden): Grenz-Netzwerke, Grenz-Arbeit, Grenz-Exil. Der deutsch-tschechoslowakische Grenzraum als politischer Ort (1920 bis 1938)

 

12.00 bis 12.45 Uhr

Angela Boone M. A. (Driebergen): German Jewish Refugees in the Netherlands: Policy Changes of the Dutch Government between 1914 and 1951

 

12.45 bis 13.30 Uhr

Germaine Goetzinger (Luxembourg): Der Weg zurück: Heimkehr oder zweites Exil?

 

13.30 bis 14.00 Uhr

Abschlussdiskussion