Narren, Clowns, Spaßmacher

Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung
im Festsaal des Rathauses Sankt Johann der Landeshauptstadt Saarbrücken

 

 
Sommersemester 2019 | montags 19 Uhr

 

Unter den vielen Außenseitern, welche die Literaturgeschichte bevölkern, nehmen Narren, Clowns und Spaßmacher eine besondere Stellung ein: Im Spannungsfeld von Vernunft und Irrealität, Weisheit und Einfalt, Humor und Tragik, Scherz und Ernst, Gelächter und Schauder formulieren diese Figuren unangenehme Wahrheiten, üben Kritik an bestehenden Verhältnissen, warnen vor Fehlentwicklungen, mahnen vor drohendem Unglück und wollen manchmal auch einfach nur unterhalten.

Die zehnte Saarbrücker literaturwissenschaftliche Ringvorlesung ist eine Einladung, den Darstellungen und Wandlungen des Närrischen und Clownesken in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu folgen. Die Vorträge eröffnen einerseits motivgeschichtliche und typologische Perspektiven und bieten andererseits Interpretationen literarisch einschlägiger Werke.

Veranstalter der Saarbrücker literaturwissenschaftlichen Ringvorlesungen sind Dr. Katharina Meiser und Professor Dr. Sikander Singh von der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit Christel Drawer, Abteilungsleiterin für Film und Wissenschaft im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken.

Die Vorlesungen dauern in der Regel eine Stunde. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Vortragenden ins Gespräch zu kommen.

 

Programm

 

8. April 2019

Machen Narren Spaß? Beispiele aus mittelhochdeutschen Texten

Professorin Dr. Nine Miedema (Mediävistik und Ältere deutsche Philologie)

Seit dem 12. Jahrhundert sind in mittelalterlichen Quellen (Hof-)Narren nachweisbar. Als eine ihrer wichtigsten Funktionen gilt ihre Aufgabe, Lachen auszulösen. Dies versuchen sie vor allem durch normabweichendes Körperverhalten und/oder unkonventionelles Sprechen. Beides wird gerade in der höfischen Kultur, die sich seit dem 12. Jahrhundert programmatisch um angemessen höfisch-höfliche Verhaltensweisen bemüht, zu einem beliebten literarischen Thema. Trotz des vom Narren verursachten Gelächters ist er aber nicht per se ein ‚Spaßmacher‘: Je nach Erzählkontext und -perspektive kann das Lachen ein höfisch-erheiterndes, wohlwollendes, gemeinsames sein oder aber ein aggressiv-verletzendes, demütigendes, ausgrenzendes. Wer lacht also über die ‚Späße‘ des Narren? Zwischen feiner Ironie und herber persönlicher oder auch gesellschaftlicher Kritik entfaltet sich im Vortrag ein ganzes Spektrum mittelalterlicher Zeugnisse für ‚Narrenfreiheit‘.

 

15. April 2019

Der Schelmenstreich als fundamentale Gesellschaftskritik. Eulenspiegel in der deutschsprachigen Literatur

Professor Dr. Ralf Georg Bogner (Neuere deutsche Philologie und Literaturwissenschaft)

Im Prosaroman von ca. 1510 tritt uns mit Till Eulenspiegel eine Figur entgegen, die mit ihren Handlungen in der radikalsten denkbaren Weise fundamentale Gesellschaftskritik übt. Der Schelm integriert sich nicht in die üblichen Berufs- und Privatbiographien, achtet keinerlei Autoritäten – sei es ein Fürst, ein Geistlicher oder ein gut situierter Bürger – und treibt Spott mit allen üblichen Normen und kulturellen Standards. Zu allem Überfluss korrigiert kein Erzähler als Autorität wertend und ermahnend die Streiche Eulenspiegels. Genau eine solche Zähmung, d. h. moralisierende Zurechtweisung der Figur bieten allerdings schon im 16. Jahrhundert die Dramenfassungen einzelner Schwänke bei Hans Sachs, bemerkenswerter Weise in der Gattung des eigentlich karnevalesken Fastnachtsspiels. Im frühen 20. Jahrhundert schafft Klabund mit seinem Eulenspiegel namens Bracke die Vision eines neuen Menschen im Sinne des Expressionismus und damit wieder eine kompromisslos gesellschaftskritische Figur, zudem in ästhetisch radikaler Gestaltung. In der verbreiteten Kinderbuchfassung von Erich Kästner hingegen schrumpft der Schelm zu einem harmlos erheiternden Spaßmacher zusammen.

 

29. April 2019

Seltsame Narren: Jurodivye (Narren in Christo)

Professor Dr. Dr. h. c. Roland Marti (Slavische Philologie)

Narren in Christo sind Personen, die „um Christi willen“ als Narren auftreten, um ihren Mitmenschen und insbesondere Höherstehenden deren unchristlichen Lebenswandel bewusst zu machen und sie zur Umkehr zu bewegen. Sie spielen in der orthodoxen Tradition der Heiligenverehrung eine nicht unbedeutende Rolle. Dies gilt insbesondere für die russisch-orthodoxe Kirche. Die Jurodivye (so ihre Bezeichnung im Russischen) gewinnen dabei auch Bedeutung über den kirchlichen Bereich hinaus, da sie eine Art „christliches Gewissen“ bilden und in dem Sinne „Narrenfreiheit“ genießen, als sie der (kirchlichen und weltlichen) Obrigkeit ungestraft die Wahrheit sagen können. Sie sind öfters Thema literarischer Werke geworden. Am bekanntesten ist sicher der Jurodivyj in A. S. Puškins „Boris Godunov“, und zwar sowohl im ursprünglichen Drama als auch in der Opernfassung von Modest Musorgskij. Aber auch in der gegenwärtigen russischen Literatur spielt er eine Rolle, so etwa im Roman „Lavr“ von Evgenij Vodolazkin, erschienen 2012 (deutsche Übersetzung: „Laurus“, 2015). Der Vortrag konzentriert sich auf die religiösen und historischen Aspekte der Jurodivye und ihre Widerspiegelung in der (russischen) Literatur.

 

6. Mai 2019

Arlequin poli par l’amour: verliebte Harlekine im Theater Marivaux’

Professorin Dr. Patricia Oster-Stierle (Französische Literaturwissenschaft)

Der französische Komödienautor Marivaux war vom Stegreifspiel der in Paris beheimateten italienischen Schauspieler so fasziniert, dass er viele seiner Stücke an dem sogenannten „Théâtre des Italiens“ aufführte und einzelne Figuren der „Commedia dell’arte“ Eingang in seine Komödien fanden. Vor allem die Figur des Harlekins stieß auf sein Interesse. Der durch seine Maske charakterisierte Arlecchino zeichnet sich durch übermütiges Rollenspiel und heitere Streiche und Verwandlungen aus. Allerdings durchlebt er im Theater Marivaux‘ eine Metamorphose. „Wie die Liebe Harlekin erzog“ („Arlequin poli par l’amour“) heißt der Titel einer der ersten Komödien Marivaux‘ aus dem Jahr 1720, die einen verliebten Harlekin in den Mittelpunkt stellt, den die Liebe von einem naiven Narren in einen Liebenden voller Esprit verwandelt. In späteren Komödien taucht der Arlequin oftmals als komisches Echo seines verliebten Herren auf. Die Entwicklung vom Arlecchino in den französischen Arlequin soll in unterschiedlichen Komödien aus der Feder Marivaux‘ auch am Beispiel moderner Inszenierungen verfolgt werden.

 

13. Mai 2019

Vom „Lazarillo de Tormes“ zum „Braven Soldaten Schwejk“. Der spanische Schelmenroman und die Figur des Antihelden

Professor Dr. Hans-Jörg Neuschäfer (Romanische Philologie und Literaturwissenschaft)

„Schelmenroman“ ist die deutsche Bezeichnung für spanisch „Novela Picaresca“. Der Pícaro ist aber etwas anderes als ein Till Eulenspiegel. Konzipiert als Gegenfigur zu den Heldenfiguren der frühneuzeitlichen Erzählliteratur, kommt der Pícaro aus den sozialen Niederungen. Mit Chuzpe und Verschlagenheit will er sich einen Platz an der Sonne erkämpfen. Von Anfang an zeichnet ihn anarchische Respektlosigkeit gegen die ‚Werte‘ einer Ständegesellschaft aus, der er nicht angehört. Gewalt verabscheut er zwar, aber die Gesetze bricht er ständig, was er auf zweideutige Art zu rechtfertigen sucht. Seit dem anonymen „Lazarillo de Tormes“ (1554), der von der Inquisition verboten wurde, hat sich die Novela Picaresca zu einer europäischen Literaturgattung sozialer Aufmüpfigkeit entwickelt, die noch im 20. Jahrhundert herausragende Texte hervorgebracht hat: Thomas Manns „Felix Krull“ und Jaroslav Haseks „Schwejk“.

 

20. Mai 2019

„Lachen trotz Tod und Teufel“ mit einer Operette im Frauen-KZ Ravensbrück

Professorin Dr. Mechthild Gilzmer (Romanische Kulturwissenschaft)

Mit der im KZ-Lager Ravensbrück entstandenen Operette „Le Verfügbar aux Enfers“, die von der französischen Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillion 1944 aufgezeichnet wurde, haben wir es mit einem in vielerlei Hinsicht einzigartigen künstlerischen Werk und historischen Zeugnis zu tun. Es handelt sich um eine Mischung aus kabarettistischer Revue und griechischer Tragödie, mit zahlreichen intertextuellen und intermedialen Bezügen. Der rote Faden besteht in der wissenschaftlichen Erforschung der Häftlinge durch einen Naturforscher, der clowneske Züge trägt. In einer Reihe von formal sehr unterschiedlichen Szenen werden die verschiedenen Aspekte des Lagerlebens, die Voraussetzungen, Bedingungen und Umstände der Internierung in insgesamt drei Akten entfaltet, denen ein lyrischer Prolog vorangeht. Bereits in diesem Prolog entfaltet sich die Doppelbödigkeit von der die Operette ihre Wirkung bezieht: Der Gegensatz zwischen vorgegeben naiver Beobachterposition einerseits und äußerst brutaler Realität andererseits. Der mit dem Titel evozierte Bezug zur Operette „Orpheus in der Unterwelt“ verweist auf die dem Werk eigene karnevaleske Strategie in der „Schickliches“ mit „Unschicklichem“ verknüpft wird.

 

27. Mai 2019

Von Narren und Dibbuks. Komisch-provozierende Perspektiven auf die Shoah

Professorin Dr. Christiane Solte-Gresser (Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)

Es ist kaum eine größere Unvereinbarkeit denkbar als die zwischen Shoah und Komik. Entsprechend irritierend und provozierend sind Auseinandersetzungen mit Deportation, Konzentrationslager und Massenvernichtung aus einer komischen Perspektive. Weshalb, auf welche Weise und mit welcher Wirkung rufen Narrenfiguren, die von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erzählen, ein Lachen hervor, das uns im Halse stecken bleibt?

Im Mittelpunkt des Vortrags stehen der groteske Roman „Der Tanz des Dschingis Cohn“ von Romain Gary aus dem Jahr 1967 und der Film „Zug des Lebens“ des Regisseurs Radu Mihaileanu von 1998. Anhand dieser beiden Beispiele soll gezeigt werden, wie ein Dibbuk und der ‚Dorftrottel‘ eines osteuropäischen Schtetls – zwei klassische Narrenfiguren der (jüdischen) Kulturgeschichte – die Shoah aus einer sehr eigenwilligen Perspektive erleben und vermitteln; aus einer Erzählperspektive nämlich, die im wörtlichen Sinne unmöglich ist.

 

3. Juni 2019

Gefährliches Grinsen. Zur Kulturgeschichte des Horror-Clowns

Professorin Dr. Stephanie Catani (Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft)

Ein uneingeschränkt positiver Spaßmacher war der Clown nie: Dem aufgemalten Lachen ist eine Ambivalenz zu eigen, die sein dämonisches Grinsen stets durchschimmern lässt. Coulrophobie, die Angst vor dem Clown, ist kulturgeschichtlich tief verwurzelt – und das nicht erst, seit der Horror-Clown mit Stephen Kings Roman „It“ (1986) und dessen Verfilmung (1990) zum genretypischen Massenphänomen wurde.

Der Vortag geht Figurationen des Horror- oder Creepy Clowns nach, verfolgt seine Spuren durch die Literatur-, Film- und Kulturgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte und fragt nach der in die Fiktion übersetzten Ur-Angst des Menschen vor der Maske des Clowns, die zur bösen Fratze erstarrt ist.

 

17. Juni 2019

„Am End weiß keiner nix“: Spaßmacher des Wiener Volkstheaters zwischen Komik und Philosophie

Professor Dr. Sascha Kiefer (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

Wegen ihrer „Zotenhaftigkeit“ sollte die ‚lustige Person‘ im Zeitalter der Aufklärung von der Bühne verbannt werden – auch in Wien, wo sie besonders beliebt war. Überlebt haben Hanswurst & Co. um den Preis geschickter Anpassung: Aus drastischen Störenfrieden mit einer Vorliebe für Fäkal- und Sexualkomik wurden bürgerlich gezähmte Spaßmacher.

In die Reihe dieser reformierten Hanswursts gehören der bald auch im Puppentheater populäre Kasperl genauso wie der Papageno aus der „Zauberflöte“ oder der von Adolf Bäuerle geprägte Parapluiemacher Staberl. Ihren Höhepunkt erreicht die Sublimierung des Hanswurst schließlich bei Ferdinand Raimund: In dessen letztem Stück „Der Verschwender“ legt der Diener und Tischler Valentin geradezu philosophische Qualitäten an den Tag, wie etwa im berühmten „Hobellied“.

Der Vortrag verdeutlicht diesen Entwicklungsprozess der Wiener ‚lustigen Person‘ an anschaulichen Beispielen.

 

24. Juni 2019

Die Narrenfigur im postmodernen Roman (Umberto Eco „Baudolino“, Thomas Pynchon „Vineland“, Daniel Kehlmann „Tyll“)

Dr. Hermann Gätje (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

Auch wenn die Definition der Postmoderne umstritten und unscharf ist, herrscht weitgehend Übereinstimmung, dass Ironie, Spiel und Maskerade konstituierende Merkmale der durch sie inspirierten Literatur sind. Diese Eigenschaften legen eine Affinität zur Figur des Clowns und Spaßmachers nahe. Die Vorlesung will entsprechende strukturelle Beziehungen am Beispiel dreier ausgewiesen postmoderner Romane, in denen literarische Narren- beziehungsweise Schelmenfiguren eine exponierte Rolle spielen, exemplarisch untersuchen und herausarbeiten. Während Ecos „Baudolino“ (2000) und Kehlmanns „Tyll“ (2017) ihre Helden vor dem Hintergrund des ebenfalls für die Epoche charakteristischen historischen Romans gestalten, nimmt Pynchon in „Vineland“ (1990) mit den skurrilen Späßen seines Protagonisten, des Althippies Zoyd Wheeler, die Jahre unter dem Präsidenten Ronald Reagan in den USA aufs Korn.

 

1 Juli 2019

„Nicht wird er froh seines Lebens, der Spaßmacher.“ Von Narren und Spaßmachern in der deutschsprachigen Lyrik

Dr. Stephanie Blum (Neuere deutsche Philologie und Literaturwissenschaft)

Nicht nur in dramatischen und erzählenden Texten, sondern auch in der Lyrik tauchen immer wieder Narren, Clowns und Spaßmacher auf. Im Gedicht werden diese einerseits konkret als Personen oder Handelnde beschrieben, andererseits werden sie auf metaphorischer Ebene zu Symbolen und Sinnbildern einer bestimmten Haltung zur Welt. Sie verkörpern beispielsweise die Lächerlichkeit des menschlichen Daseins, das Subversive des gesellschaftlichen Außenseitertums oder die Tragik der Maske und des Nicht-ernst-genommen-Werdens. Spaßmacher in der Lyrik treten also nicht zwangsläufig nur in ‚komischen‘ Gedichten auf.

Nicht selten dienen Figurationen des Narren oder Clowns auch als Mittel der poetologischen Selbstreflexion, wenn das Narrentum zur Verortung des Ichs und seines lyrischen Sprechens genutzt wird. Hier bieten das Spiel, die Akrobatik und die Musikalität der Spaßmacher vielfältige Anknüpfungspunkte, die auf das dichterische Selbstverständnis übertragen werden können – häufig mit einem selbstironischen Gestus.

Der Vortrag widmet sich Spaßmachern in der deutschsprachigen Lyrik und präsentiert exemplarische Gedichtinterpretationen, etwa zu Texten von Robert Gernhardt und Peter Rühmkorf. Darüber hinaus soll auch ein Blick auf die lyrische Tradition erfolgen.

 

8. Juli 2019

Chaplin, Churchill und die ‚Methode des Clowns‘ in Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“

Dr. Katharina Meiser (Neuere deutsche Philologie und Literaturwissenschaft)

In seinem 2014 publizierten Roman „Zwei Herren am Strand“ lässt Michael Köhlmeier Charlie Chaplin und Winston Churchill einen Freundschaftspakt gegen ihre Depressionen schließen: Ein hervorragender Stoff für eine Fiktion – oder nicht? Der Erzähler jedenfalls, nach eigenen Angaben von Berufs wegen Clown, lässt früh berechtigte Zweifel an der Fiktionalität des Erzählten aufkommen, indem er (vermeintlich?) authentische Quellen zitiert und damit die Faktizität der Geschehnisse suggeriert. Und tatsächlich: Der Clown und der Staatsmann, diese beiden so unterschiedlichen ‚Geschichten-Schreiber‘ des 20. Jahrhunderts, trafen sich, das ist faktisch verbürgt, wirklich einige Male, so zum Beispiel am Filmset zu Chaplins triumphaler Tragikomödie „City Lights“.

Der Vortrag zeigt auf, wie Köhlmeier aus den Biografien zweier Legenden ein schillerndes fiktionsbiografisches Doppel macht. Chaplin und Churchill spielen miteinander und gegen sich selbst; ihre Legende spielt mit ihnen und gegen sie; Fakt und Fiktion gehen eine Allianz ein und werden gegeneinander ausgespielt. Der Erzähler impliziert hier einen Leser, der sich auf die Suche macht, das Verwirrspiel mit Fakt und Fiktion zu entknoten. Fragt sich nur, ob er durch seine Recherchen irgendetwas besser versteht… Köhlmeiers Roman ist eine brillante Performanz des Clownesken im Erzählen selbst. Sein Erzähler ist ein Schelm, der seine Leser – und zuletzt auch sich selbst? – auf unterhaltsam-leichte Art zum Narren hält.

 

15. Juli 2019

Figurationen des Närrischen zwischen Romantik und Realismus (Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Adalbert Stifter)

Professor Dr. Sikander Singh (Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

Die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, die sich im Spannungsfeld romantischer und realistischer Kunstanschauung entwickelte, hat eine Vielzahl von Narren bzw. närrischen Figuren hervorgebracht. Während die Figur des Taugenichts zu einem weit über seine Epoche wirkungsmächtigen  Sinnbild für die Kultur- und Zivilisationskritik sowie die antibürgerlich-eskapistischen Tendenzen der Werke des schlesischen Freiherrn Joseph von Eichendorff (1788 bis 1857) gelesen werden kann, rekurrieren die politischen Dichtungen und Schriften Heinrich Heines (1797 bis 1856) auf die Tradition der Hofnarren: Die Aufgabe des Schriftstellers ist – in der Nachfolge seiner mittelalterlichen Vorbilder – nicht die Unterhaltung oder Belustigung des (Lese-)Publikums sondern dessen Provokation und Irritation. Adalbert Stifter (1805 bis 1868) blickt demgegenüber auf das Menschenbild des deutschen Idealismus und befragt in der Figur des Narren das Verhältnis des modernen Individuums zu historisch-kulturellen Traditionen und Wertvorstellungen.

Der Vortrag untersucht die Entwicklung des Narren zwischen Romantik und Realismus, eröffnet Interpretationszugänge zu einzelnen Werken und leistet zugleich einen Beitrag zum Verständnis der Figur und ihrer Funktion in der beginnenden Moderne.